Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 12.11.2017 - Hochgeschwindigkeits-Fußball oder Zerstörung? Italiens Nationalelf findet keine Mittel, um im modernen Fußball zu bestehen. Inzwischen droht sogar der Verlust der Kunst der Verteidigung.

Wer Gigi Buffon und seinen Kollegen am Freitag zusah, wie sie die italienische Nationalhymne sangen, der konnte meinen, es gehe nicht um Sport, sondern ums Überleben. Mit kriegerischem Gesichtsausdruck trugen die Nationalspieler die Strophen der Hymne von Goffredo Mameli vor, die in den Worten gipfelt: „Wir sind bereit für den Tod!“ Die Bereitschaft zur Aufopferung für das Vaterland blieb indes ohne Folgen. Italien unterlag im ersten WM-Playoff gegen Schweden nach einem abgefälschten Treffer von Jakob Johansson (61. Minute). Man fragt sich, wie die Kämpen von Trainer Gian Piero Ventura am Montag beim Rückspiel in Mailand die Hymne interpretieren werden, wenn es für den italienischen Fußball wirklich um Alles geht. Erstmals seit 1958 droht die Squadra Azzurra eine WM-Endrunde zu verpassen. Italiens Presse gab am Samstag schon einmal einen Vorgeschmack auf die ungemütliche Zukunft. Von „Horror“, „Abgrund“ und „Apokalypse“ war die Rede. Doch ein Scheitern Italiens wäre im Grunde nur konsequent. Seit dem Weltmeistertitel 2006 hat sich das Team nicht grundlegend erneuert. Bei den WM-Turnieren 2010 und

2014 scheiterten die Azzurri bereits in der Vorrunde. Immer mehr der Weltmeister von 2006 purzelten Stück für Stück aus dem Team, aber ohne entsprechend ersetzt zu werden. Nur die mit Giorgio Chiellini und Leonardo Bonucci angereicherte Abwehr um die Weltmeister Gigi Buffon und Andrea Barzagli zeigte sich bei der EM 2016 auf der Höhe. Trainer Antonio Conte machte aus seinem zuvor bei Juventus Turin geformten Abwehrblock das Fundament für einen fulminanten Kraftakt, als Italien erst im Viertelfinale nach Elfmeterschießen gegen Deutschland ausschied. Das Engagement des Motivationskünstlers Conte hatte die Wirkung eines Strohfeuers inmitten der Stagnation. Italiens Nationalelf kommt seit bald zehn Jahren nicht vom Fleck. Contes seit einem Jahr amtierender Nachfolger Ventura sollte die nächste Generation ins Nationalteam einbinden, vertraut aber gegen Schweden wieder auf den alten Block, zu dem auch Weltmeister Daniele De Rossi vom AS Rom zählt. Elf Jahre nach Italiens letztem Titel muss man zweierlei festhalten: Weder haben sich junge Spieler…

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 8.11.2017 - Die italienische Fußball-Legende Andrea Pirlo beendet seine Karriere

Dieser Abschied macht die Gegenwart nicht leichter. Italien ist vierfacher Fußballweltmeister und muss sich ab Freitag in zwei Play-Off-Spielen gegen Schweden die Teilnahme an der WM in Russland erst noch verdienen. Wenn nun einer der begnadetsten italienischen Fußballer der letzten Jahrzehnte endgültig die Bühne verlässt, ist der Blick in den Spiegel noch schmerzhafter. Andrea Pirlo hat seine Karriere als Fußballer beendet. Wenn er gegen Schweden vor dem Fernseher sitzen sollte und mit zittert, muss man es ganz nüchtern betrachten: Die glorreiche Vergangenheit guckt dann grauen Alltag. Tröstlich ist, dass Pirlo schon vor zwei Jahren einen Teilabschied vollzog. Er war aus der Nationalelf zurück getreten. Nach dem verlorenen Champions-League-Finale 2015 mit Juventus Turin gegen den FC Barcelona, in Folge dessen der Spielmacher bittere Tränen vergoss, wechselte Pirlo in die amerikanische MLS. Beim New York City FC kämpfte der inzwischen 38 Jahre alte Italiener dann weniger mit aufdringlichen Gegnern, als mit seinem lädierten Knie. Gerade einmal 16 Einsätze absolvierte er in dieser Saison, am Sonntag reichte es nur für eine Einwechslung

in der Schlussminute. Kurzeinsatz, Applaus und Standing Ovation der New Yorker waren ein unverhältnismäßiger Tribut an die fußballerische Lebensleistung dieses Spielers. „Es ist nicht so, dass man bis 50 weitermachen kann“, hatte Pirlo schon im Oktober erkannt. Nach dem Ausscheiden in den Play-Offs mit New York City am Sonntag zog der Fußballer nun den endgültigen Schluss: „Nicht nur mein Abenteuer in New York geht zu Ende, sondern auch meine Reise als Fußballer“, schrieb er auf Twitter. „Wer weiß, wann wieder so einer wie Pirlo auf die Welt kommt“, fragte der Corriere della Sera. Die Sehnsucht nach besseren Zeiten war nicht zu überhören. Die Gazzetta dello Sport bedankte sich im Namen aller Tifosi. „Grazie Maestro“, titelte die Zeitung am Dienstag. Wenige italienische Spieler bekamen über die Grenzen der Serie A hinaus die Anerkennung, die Pirlo im letzten Abschnitt seiner Karriere entgegenschlug. Was sein Talent als Spielgestalter angeht, war der Mittelfeldspieler mit den…

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 26.10.2017 - Die antisemitischen Aktionen der Ultras von Lazio Rom sind bekannt. Diesmal spielt auch der Vereinspräsident eine unrühmliche Rolle.

Auf Geheiß des italienischen Fußballverbandes liefen bei den Spielen der Serie A am Mittwochabend Mannschaftskapitäne und Schiedsrichter mit Literatur in der Hand auf den Platz. Manche hielten Primo Levis Shoah-Roman „Ist das ein Mensch?“ in Händen, andere das Tagebuch der Anne Frank, um die die jüngste Affäre im italienischen Fußball kreist. Einige der antisemitischen Aufkleber, die Ultras von Lazio Rom am vergangenen Sonntag im römischen Olympiastadion angebracht hatten, zeigten das 1945 im Konzentrationslager Bergen-Belsen ums Leben gekommene Mädchen im AS-Rom-Trikot. Der Grund dieser absonderlichen Provokation: 72 Jahre nach Ende des Holocausts gilt jüdische Identität bei Fußballfans in Rom als Beleidigung. Um dieser Geschichtsvergessenheit entgegen zu treten, mussten die Kapitäne am Mittwochabend in den Stadien einen Ausschnitt aus dem Tagebuch der Frankfurter Jüdin vorlesen, die sich mit ihrer Familie ab 1942 bis zur Deportation in einem Amsterdamer Hinterhaus versteckte. Die Spieler von Lazio Rom waren angewiesen worden, sich zum Aufwärmen vor dem Spiel beim FC Bologna ein T-Shirt mit dem Foto des Mädchens überzustreifen. Eine Gedenkminute für die Opfer der Shoah wurde

abgehalten, auch vor den Partien in unteren Spielklassen. Wie weit der Weg für Italiens Fußball aber noch ist, zeigt etwa die Reaktion der Ultras von Ascoli Calcio in der Region Marken. Beim Zweitligaspiel ihrer Mannschaft am Dienstagabend ignorierten die als rechtsradikal bekannten Anhänger die Holocaust-Gendenkminute ganz bewusst. Aus Protest blieben auch die meisten Lazio-Ultras dem Auswärtsspiel beim FC Bologna fern. Im italienischen Innenministerium weiß man: 85 von 382 Ultragruppierungen in Italien sind rechtsextrem und das nicht erst sei gestern. Die Entrüstung der Branche hat deshalb einen faden Beigeschmack. In einem fragwürdigen Auftritt legte Claudio Lotito, Präsident von Lazio Rom, bereits am Dienstag einen Blumenkranz vor einer Holocaust-Gedenktafel an der römischen Synagoge nieder, als Reaktion auf die Aufkleberaktion seiner Tifosi. Die beiden brasilianischen Fußballprofis Felipe Anderson und Wallace Fortuna dos Santos mussten Spalier stehen, während Lotito sich vor der Presse zum Vorkämpfer gegen Xenophobie, Rassismus und Antisemitismus aufschwang. Lotito, so…

FAZ, 30.5.2017 - Francesco Totti war der AS Rom. Nun macht er nach 25 Jahren Schluss. Was wird der Klub ohne ihn sein?

Was nun, Francesco Totti?

Was nun, Francesco Totti?

In welchem Moment exakt das Jahr 1 n.T. (nach Totti) begann, ist schwer zu sagen. Vielleicht startete die neue Zeitrechnung für den AS Rom, als der Kapitän am Sonntagabend nach der Partie gegen den CFC Genua bei seiner Ehrenrunde vor der Gegengeraden innehielt, sich auf eine Werbebande stützte und zusammen mit seinen 60 000 Verehrern im römischen Olympiastadion in einen Weinkrampf ausbrach. Vielleicht wurde Francesco Totti sich auch erst bewusst, dass es jetzt vorbei ist, als er vor der Südkurve zum Stehen kam, in der der harte Kern der Roma-Tifosi zuhause ist. Totti legte beide Hände hinter den Kopf, neigte das Haupt und sank erneut in sich zusammen. Selbst vergleichsweise unbeteiligte Beobachter vergossen in diesen Momenten mindestens eine Träne für die größte lebende Identifikationsfigur Roms. Es ist dies der Schlüssel zum Verständnis der Ikone Totti: In einer Stadt, die wie keine andere Metropole auf der Welt von ihrer Vergangenheit zehrt, hat dieser Fußballer den Menschen die Illusion einer immer noch großartigen Gegenwart beschert. „Du warst ein Traum“, titelte der in

Rom ansässige Corriere dello Sport am Dienstag und fasste so das Verdienst Tottis um sein Volk zusammen. In ihm, der 25 Spielzeiten lang ununterbrochen das gelb-rote Dress des Vereins seiner Heimatstadt getragen hat, bündelten sich nicht nur die Sehnsüchte und Projektionen der Römer, sondern auch Frust, Enttäuschungen und Beschränktheiten. Der Fußballer Totti war das Alter Ego der ewigen Stadt, die nun in gewisser Weise ihres weltweit bekannten Botschafters und damit ein Stück weit ihrer eigenen Identität beraubt ist. Ein Großteil der Tifosi trug auf dem Weg zum Stadion weinrote Roma-Trikots mit Tottis Namen und der Nummer 10, nicht wenige von ihnen handsigniert. Noch vor Anpfiff der Partie gegen den CFC Genua drehte ein Propellerflugzeug seine Runden über dem Stadion und zog einen Banner mit der Aufschrift „Grazie capitano“ hinter sich her. Einen Hauch von Tragik steuerte die Tatsache bei, dass der 40 Jahre alte Hauptdarsteller auch am „Totti Day“ (Gazzetta dello Sport)…