Augsburger Allgemeine, 14.3.2022 - Der russische Präsident stammt aus einer traumatisierten Familie. Ist das der tiefere Grund für den Ukraine-Krieg? 

Der wissenschaftliche Dienst des Deutschen Bundestages hat 2017 einen Aufsatz veröffentlicht zum Thema der transgenerationalen Weitergabe von Traumata. Es geht dabei um das vor allem bei Holocaust-Überlebenden beobachtete Phänomen, dass nicht verarbeitete Traumata Wirkung in folgenden Generationen entfalten können. Die Kinder und Kindeskinder der Betroffenen sind also nicht frei von den Erlebnissen ihrer Vorfahren, ihr Handeln kann teilweise oder gänzlich bestimmt sein von den Katastrophen, die die Vorfahren erleben mussten. Wie sollte das auch anders sein? Kinder traumatisierter Eltern wachsen mit den Folgen der traumatisierenden Ereignisse auf, sie saugen Harmonie ebenso auf wie die Atmosphäre von Leid und Zerstörung. Auch Enkel und Urenkel können auf einer unbewussten Ebene betroffen sein, weil von den Vor-Generationen erlebte und nicht verarbeitete Ereignisse auch bei ihnen Wirkung entfalten. Man mag als simples Beispiel nur an einen stets traurigen oder depressiven Elternteil und die Auswirkungen jenes Gemütszustandes auf das Leben der Kinder bedenken. Was hat das mit dem Krieg in der Ukraine und dem Mann zu tun, der diesen Krieg entfacht hat? Der russische

Präsident Wladimir Putin, geboren am 7. Oktober 1952, ist, wie die viele Menschen seiner Generation, ein Kind traumatisierter Eltern. Gerne wird auf Putins gewaltfreudige Vergangenheit in den Hinterhöfen von Sankt Petersburg hingewiesen, die Rede ist vom „Hänfling“, der sich Respekt verschaffen wollte und es später zu Bravour in der Kampfsportart Judo brachte. Diese Sozialisierung ist allerdings erst ein Resultat aus Herkunft, Charakter und sozialen Umständen. Aufschlussreicher ist Putins Familiengeschichte, sie ist geprägt von tragischen Ereignissen. Sein Vater war sowjetischer Soldat im Zweiten Weltkrieg. „Er hatte sechs Brüder, von denen fünf gefallen sind“, schrieb Putin 2015 in einem Essay für die russische Zeitschrift Russkij Pioner. Sollten diese Angaben korrekt sein, woran kein Grund zu zweifeln besteht, hat Wladimir Putin fünf seiner Onkel nie kennen gelernt, weil sie im Zweiten Weltkrieg ums Leben kamen. Putins Vater, Wladimir Spiridonowitsch Putin, starb 1999. Der Tod seiner fünf Brüder hat sein Leben zweifellos geprägt. Dies dürfte…

Cicero, März 2022 - Die katholische Kirche in Deutschland tut sich extrem schwer im Umgang mit Opfern sexuellen Missbrauchs. Doch es gibt eine vielversprechende Methode, um auf die Betroffenen zuzugehen, sie lautet "Restorative Justice".

In der Forest Street 777 hat die Erzdiözese von Saint Paul und Minneapolis ihren Sitz. Erzbischof Bernard Hebda ist ein umgänglicher Mann. Vor allem hat er langjährige Erfahrung damit, was einer Diözese widerfahren kann, die die Opfer sexuellen Missbrauchs in der katholischen Kirche jahrzehntelang gedemütigt und dann auch noch systematisch übersehen hat. Vielleicht wäre ein Anruf in Minnesota keine schlechte Idee für die deutschen Erzbischöfe und Kardinäle Reinhard Marx (München) und Rainer Maria Woelki (Köln). Woelki will nach einer halbjährigen „geistigen Auszeit“ am Aschermittwoch sein Amt wieder aufnehmen. Denn die Frage, die nicht nur Woelki, Marx, Hebda, Papst Franziskus und die gesamte katholische Kirche beantworten muss, lautet: Wie geht man mit den Betroffenen von Missbrauch um? Die Frage, vor der sich die Kirche jahrzehntelang gedrückt hat, ist heute ihre Überlebensfrage. Geht sie auf die Betroffenen zu, muss sie sich verändern. Verschließt sie sich weiter, bleibt ihr Kernpostulat von der Sorge um die Seelen ein nicht aufzulösender Widerspruch, ja eine Farce. Bekannt wurde die Erzdiözese Saint Paul und Minneapolis, als sie 2018 einen spektakulären gerichtlichen

Vergleich mit den Betroffenen schloss. 210 Millionen US-Dollar zahlte die Kirche in einen Fonds für die Opfer, die Erzdiözese musste Konkurs anmelden, eine passende Metapher im finstersten aller Kirchenkapitel. Gerade einmal 5000 Euro bekamen Betroffene sexuellen Missbrauchs in Deutschland nach Bekanntwerden des Skandals ab 2010. „Ein Schlag ins Gesicht“, war das nicht nur für Richard Kick, Mitglied im Betroffenenbeirat der Erzdiözese München. Auch die 50 000 Euro, auf die die Deutsche Bischofskonferenz die Zahlungen später beschränkte, waren „eine Demütigung wenn man an die verkorksten Leben, die Depressionen, die Beziehungsschwierigkeiten der als Kinder Missbrauchten denkt“, so Kick. Gemeinsames Wiedergutmachung-Programm Anerkennungsleistungen sind das eine. Strafermittlungen, Prävention und Aufarbeitung das andere. Nach der Vorstellung des von der Erzdiözese München und Freising in Auftrag gegebenen Gutachtens Ende Januar, wird nun die Entscheidung der Staatsanwaltschaft München erwartet. Sie prüft 42 Fälle von Fehlverhalten kirchlicher Würdenträger und könnte Ermittlungsverfahren einleiten. In Minnesota…

Die Zeit - Christ&Welt, 14.Juli 2021 - Beim Stauffenberg-Attentat auf Hitler am 20. Juli 1944 wurde der Stenograf Heinrich Berger getötet. Die Enkelin des Widerstandskämpfers begegnet der Frau, die ihren Vater verlor.

Heinrich Berger mit Dorothea Johst 1944

Heinrich Berger mit Dorothea Johst 1944

Am 20. Juli 1944 zündete Claus Schenk Graf von Stauffenberg im Führerbunker in der Wolfsschanze einen Sprengsatz, der Adolf Hitler töten sollte. Hitler überlebte, stattdessen kamen drei Wehrmachtsangehörige und der Stenograf Heinrich Berger ums Leben. Nun begegneten sich die Tochter des Stenografen, Dorothea Johst, und die Enkelin von Stauffenberg, Sophie von Bechtolsheim. Frage: Frau Bechtolsheim, Ihr Großvater hat den Putschversuch gegen Adolf Hitler nicht überlebt. Warum haben Sie den Kontakt zur Tochter des Stenografen der Wolfsschanze gesucht? Sophie von Bechtolsheim: Ich bin ehrlich gesagt gar nicht selbst auf die Idee gekommen. Eine Freundin von mir und ein Leser meines Buches über meinen Großvater haben mich unabhängig voneinander auf Frau Johst aufmerksam gemacht. Ich brauchte diese beiden Impulse, um auf sie zuzugehen. Dann habe ich ihr geschrieben. Frage: Was hat Sie da angetrieben? Von Bechtolsheim: Mit dem Tyrannenmord an Hitler und seinen Folgen hatte ich mich theoretisch beschäftigt. Das Dilemma des Tyrannenmords ist: Darf man das wirklich tun? Sich schuldig machen, um größere Katastrophen abzuwenden? In der Theorie war mir das klar, ja,

man darf. Als ich dann von Frau Johst hörte, bekam die Theorie plötzlich ein Gesicht. Die Frage stand im Raum, was das wirklich bedeutet, wenn nicht der Tyrann, sondern andere Menschen sterben, und welche Folgen das hat. Ihr Vater kam ums Leben, weil mein Großvater den Sprengsatz zündete, der für Adolf Hitler bestimmt war. Frage: Wie war das für Sie, Frau Johst? Hatten Sie Hemmungen, Kontakt mit der Enkelin des Verantwortlichen für den Tod Ihres Vaters aufzunehmen? Dorothea Johst: Nein, gar nicht. Dass jemand von der Familie Stauffenberg auf uns aufmerksam wurde, hat mich sehr berührt. Ich habe mich gefreut über den Kontakt. Mein Vater war immer eine Randfigur des 20. Juli, aber er ist an diesem Tag ums Leben gekommen. Er war kein Parteimitglied, kein Soldat. Es gab vereinzelte Zeitungsartikel, die an ihn erinnerten. Aber sonst eigentlich nichts. Frage: Warum haben Sie sich gefreut? Johst: Dass Frau Bechtolsheim den Kontakt aufgenommen…

29. Dezember 2020, Rheinische Post. Elia Minari, 28, ging mit dem Sohn eines Bosses zur Schule, in der Schülerzeitung deckte er Mafia-Geschäfte in Norditalien auf. Heute gibt er Anti-Mafia-Kurse an der Universität.

Elia Minari, Reggio Emilia.

Elia Minari, Reggio Emilia.

Elia Minari hatte mal ein Leben, in dem er sich morgens ein schlabbriges T-Shirt oder ein Polo-Hemd überstreifte. Das war zu Zeiten der Schülerzeitung Cortocircuito, zu Deutsch Kurzschluss. Schüler aus zwölf verschiedenen Schulen in der norditalienischen Kleinstadt Reggio Emilia hatten sich 2009 zusammen getan, um Artikel zu schreiben, in denen es ziemlich schnell sehr ernst wurde. Die Nachwuchs-Journalisten widmeten sich der kalabrischen Mafia, der 'Ndrangheta, als die meisten Menschen in der Region Emilia-Romagna deren Präsenz in der eigenen Umgebung noch für reine Phantasie hielten. Die Schüler unter der Führung von Minari waren so engagiert und genau, dass ihre Nachforschungen bald auch für die Staatsanwaltschaft interessant wurden. Da war zum Beispiel die Sache mit der Disko Italghisa, in der die Schule ihre Feste feierte und über deren Betreiber wilde Gerüchte kursierten. Elia und seine Freunde begannen zu recherchieren. Minari warf einen Blick in das Register der örtlichen Handelskammer, gab die Namen der Eigentümer bei Google ein und stellte bei der Lektüre eines Dokuments der Staatsanwaltschaft fest, dass die kalabrische 'Ndrangheta

in dieser unscheinbaren Disko in Norditalien Geldwäsche betrieb. „So fing alles an“, sagt Minari bei einem Glas Wasser in einer Kneipe in Reggio Emilia. Der 28-Jährige trägt inzwischen blaues Jackett, hellblaues Hemd und blaue Krawatte. Cortocircuito gibt es immer noch, die Mafia auch. Die unbeschwerten Schülerzeitungs-Tage sind hingegen schon lange vorbei. „Die 'Ndrangheta breitet sich immer mehr in der Emilia-Romagna, in der Lombardei, im Piemont und im Veneto aus, aber viel zu oft gibt es Menschen, die wegsehen“, stellte Franco Roberti, ehemaliger Chef der nationalen Antimafiabehörde fest. Auch die Presse hielt den Alarm für übertrieben. Elia Minari und seine Mitstreiter stellten aus Neugier und einem Gefühl der Beunruhigung die Fragen, die damals noch niemand stellen wollte. Don Camillo und Peppone Als die Staatsanwaltschaft Bologna 2016 über 200 Angeklagte im Aemilia-Prozess, dem größten Mafia-Prozess aller Zeiten in Norditalien vor Gericht brachte, hatten die Schüler von Cortocircuito viele ihre eigenen Nachforschungen in Sachen…