11. Dezember 2020 FAZ. Zum Tode der italienischen Fußball-Legende Paolo Rossi.

„Ohne Schatten gibt es kein Licht; man muss auch die Nacht kennen lernen“, hat Albert Camus geschrieben. Auf wenige Sportler trifft diese Weisheit so zu wie auf den italienischen Fußballer Paolo Rossi, der in der Nacht vom Mittwoch auf Donnerstag im Alter von 64 Jahren gestorben ist. Rossi ist in Italien das, was man eine Fußball-Legende nennt, entsprechend dramatisch waren auch die Reaktionen am Donnerstag. „Der Fußball und Italien weinen um das Symbol der Nationalmannschaft von 1982“, schrieb die Gazzetta dello Sport, der Corriere dello Sport wähnte gar „den ganzen Fußball in Trauer“. Das italienische Staatsradio brachte den auffällig unaufgeregten Original-Kommentar des Endspiels der WM 1982 in Spanien, als Italien mit Rossi zum dritten Mal Weltmeister wurde. Selbst die Abgeordneten im römischen Parlament widmeten dem Idol nach der Todesnachricht stehenden Applaus und eine Gedenkminute. Rossi, der italienische Allerweltsnachname, Paolo einer der weit verbreiteten Vornamen im Land. Der Mann aus Prato in der Toskana war ein Durchschnittsbürger, aber eben auch ein begnadeter, wendiger Stürmer. Eher schmächtig, weshalb ihm seit seinen Auftritten bei der WM 1978 in Argentinien der hispanisierte Kosename Pablito angedichtet wurde. Viele Italiener verehrten den

sechsfachen Torschützen aber vor allem nach der WM 1982. Bei der erzielte er drei sagenhafte Tore gegen den Turnierfavoriten Brasilien, zwei gegen Polen und eines beim 3:1 im Finale gegen Deutschland, Rossi wurde Torschützenkönig und schließlich sogar zu Europas Fußballer des Jahres gewählt. Das 3:2 in der Zwischenrunde gegen Brasilien war so etwas wie Rossis Spiel des Lebens. „Für mich war das der Moment meiner Wiedergeburt, als ob mich jemand da oben wirklich gesehen hätte“, erzählte er einmal mit typisch toskanischem Akzent und Sinn fürs Jenseits. „Ich galt als Flasche und war auf einmal der Allergrößte und das innerhalb von nicht einmal 90 Minuten.“  In Spanien machte sich Rossi für seine Landsleute unsterblich. Der Sport, aber auch nachsichtige Wankelmütigkeit hatten gezeigt, wie schnell ein Phönix aus der Asche steigen kann, wenn man ihm die Gelegenheit dazu bietet. Rossis Leben veränderte sich nach der WM schlagartig. Dabei hatte Nationaltrainer…

7. Januar 2020 - 11 Freunde. Viele Jahre war Daniele De Rossi das Herz der AS Rom. Mit seinem Wechsel zu den Boca Juniors erfüllte er sich einen Kind­heits­traum. Nun beendet er seine Kar­riere. Über einen, der immer Fan geblieben ist.

Das Wort Blutgrätsche gibt es nicht auf Italienisch, und auch nicht auf Spanisch. Es gibt im Süden allerdings ein Kürzel, das diesem Ausdruck nahekommt: DDR. Damit verbinden Fußballfans in Italien und in Argentinien nicht etwa die Deutsche Demokratische Republik, sondern den Mittelfeld-Star Daniele De Rossi. Der Italiener, bis vor Kurzem noch das letzte Aushängeschild des AS Rom, hat sich eine stilisierte Blutgrätsche auf seine linke Wade tätowiert, sein Markenzeichen. Seit diesem Sommer sind De Rossis Einsatzfreudigkeit und seine Tätowierung in der Superliga Argentina zu bewundern. Seit August steht der Römer in den Diensten des legendären Club Atlético Boca Juniors. Noch nie ist ein europäischer Fußballstar den umgekehrten Weg gegangen, den normalerweise südamerikanische Kicker einschlagen, wenn sie es geschafft haben - von der Südhalbkugel nach Europa. De Rossi, der bei der WM 2006 in Deutschland als 24-Jähriger Weltmeister mit Italien wurde, ging als erster diesen Weg. Erst eine bandiera in Rom, eine Identifikationsfigur, der seinem Verein (fast) lebenslang die Treue hält. Jetzt ein Pionier aus Leidenschaft für authentischen Fußball? So sehen ihn seine Fans. Dass der Römer aus

der Hafenstadt Ostia bereits 36 Jahre alt ist und vor dem Karriereende steht, macht das Abenteuer nicht weniger reizvoll. De Rossi, der von den Ultras verehrte Ultra auf dem Spielfeld, hat nicht lange gebraucht, um seine Visitenkarte auch im argentinischen Fußball abzugeben. Blutgrätsche als Tattoo Im Liga-Spiel gegen Banfield, dem zweiten Einsatz des Italieners für Boca, versuchte De Rossi mit einem gewagten Sprung und ausgestrecktem linken Bein einen Ball abzufangen. Im Kung-Fu-Stil wollte er den Ball entschärfen, traf aber mit dem ausgestrecktem Fuß seinen Mitspieler, Boca-Kapitän Paolo Goltz. Was für ein Einstand! De Rossi wie er leibt und lebt und manchmal eben auch knapp daneben langt. Die argentinische Presse wusste erst einmal nicht, ob sie angesichts des gewalttätigen Einsatzes die Hände über dem Kopf zusammen schlagen oder in Begeisterungsstürme ausbrechen sollte. Die argentinische Ausgabe der Sportzeitung AS entschloss sich in einer Mischung aus Anerkennung und…

11 Freunde, Heft Juli 2016 Uralt ist nur ein Anagramm von Ultra. Nonno Ciccio ist neunzig und seit 1937 Fan des italienischen Drittligisten Foggia Calcio. Aufhören ist keine Option.

Nonno Ciccio mit seinem Glücksbringer (Foto: Max Intrisano)

Nonno Ciccio mit seinem Glücksbringer (Foto: Max Intrisano)

Treffpunkt um zwölf Uhr mittags, High Noon in Apulien. Es ist Ende Mai, die süditalienische Hitze hat schon alles im Würgegriff. Ein trostloser, weiter Blick auf Windräder und golden schimmernde Weizenfelder. Im Schatten der Tankstelle schlummert ein ergrauter Schäferhund. Dann rollt langsam ein silberner Renault Laguna an. Ein alter, weißhaariger Mann mit Pferdeschwanz schält sich mühsam aus dem Fahrersitz. Er trägt schwarze Hose, ein schwarzes, abgetragenes Polo-Hemd, seine schwarzen Turnschuhe haben drei rote Streifen. Nonno Ciccio, der mutmaßlich älteste Ultrà Italiens reicht die Hand. „Ist wie in Afrika hier“, sagt er. Eigentlich ist man nach Apulien gekommen, um über bedingungslose Anhängerschaft zu sprechen, um die unerschütterliche, lebenslange Liebe eines uralten Mannes zu einem italienischen Drittligisten namens Foggia Calcio. Aber Nonno Ciccio, 91 Jahre alt, will erst einmal vom Krieg erzählen. Von Hannibal, den Römern, der Schlacht von Cannae, die sich in dieser Ebene vor mehr als zwei Jahrtausenden abgespielt und das Römische Reich an den Rand des Zusammenbruchs gebracht hat. „Zehntausende Tote“, sagt der Greis und schüttelt den Kopf. Er humpelt, sein Oberschenkel ist entzündet.

An Nonno Ciccios Hals baumelt ein Anhänger mit einer blau schimmernden Kakerlake. „Ein Andenken an die Wüste, El Alamein.“ Nordafrika, die Wüste, der Krieg. Das ist Nonno Ciccios Koordinatensystem, in dem die Leidenschaft für Foggia Calcio eine Art Fluchtpunkt darstellt. Er, der Uralt-Ultrà musste als 17-Jähriger für Hitler und Mussolini in Ägypten kämpfen und hat dabei seine Jugend verloren. „Mörder“, schimpft er. Seither ist Nonno Ciccio nicht nur Antifaschist und Pazifist, er will auch als Ultrà vor allem eines: Frieden. Auf seiner Brust kann man die Choreografie seines Lebens auf einer Handvoll Ansteckern ablesen. Einer davon zeigt ihn als Soldaten, 1942. Daneben ein Medaillon mit einem Foto von einer Auswährtsfahrt nach Benevento und die Wappen der Ultràs von Foggia. Der Alte zieht seine rot-schwarze Kappe auf, auch sie ist übersät mit Glücksbringern und Erinnerungen. Sein erstes Spiel sah er 1937 Dieser Mann ist nicht nur der…

15.Juli 2018 - Weniger Emotionen haben Cristiano Ronaldos Wechsel zu Juventus Turin gefördert, sondern geschäftliche Berechnungen.

Es war der 3. April im Allianz Stadium von Turin. Juventus Turin spielte im Viertelfinale der Champions League gegen Real Madrid. Beim Stand von 0:1 flog eine Flanke durch den Strafraum. Cristiano Ronaldo setzte zum Fallrückzieher an und wuchtete den Ball spektakulär an Torwart Gigi Buffon vorbei ins Netz. Die Stimmen der spanischen TV-Kommentatoren auf der Pressetribüne überschlugen sich, die Juve-Spieler verharrten ungläubig auf dem Rasen. Und von den Rängen brandete respektvoller Applaus auf, diesem Tor zollten sogar die italienischen Tifosi Respekt. Drei Monate später, wo Cristiano Ronaldo nun für rund 100 Millionen Euro von Real Madrid zu Juventus Turin wechselt, muss die Szene von damals zur Legendenbildung herhalten. Wie es heißt, habe der Applaus der Turiner auch das Herz von Ronaldo nicht ganz kalt gelassen. „Dschuve“, wie der 33 Jahre alte Portugiese den italienischen Rekordmeister nennt, sei sein Traumziel gewesen. Zumal der Wunderstürmer schon als Hänfling auf seiner Heimatinsel Madeira eine Schwäche für die Italiener gehabt haben soll. Man kann die blumige Geschichte glauben. Vieles deutet jedoch darauf

hin, dass Ronaldos Wechsel zu Juventus Turin viel eher ein kühles, kapitalorientiertes Vernunftprodukt ist. Ronaldos Fisimatenten in Madrid waren allgemein bekannt. Der Spieler, der in 438 Spielen für Real 451 Tore erzielte und maßgeblich dazu beitrug, dass das Team viermal innerhalb der vergangenen fünf Jahre die Champions League gewann, konnte nicht genug bekommen. Zuletzt 23 Millionen Euro Netto-Jahresgehalt genügten ihm nicht, angeblich weil Leo Messi beim FC Barcelona und Neymar bei Paris Saint-Germain fast das Doppelte verdienten. Ronaldo, der als 20-Jähriger seinen alkoholabhängigen Vater verlor, bemisst seinen Selbstwert nicht zuletzt mit Geld. Juventus Turin bot 31 Millionen Euro Nettojahresgehalt und stach damit die Konkurrenz aus. Italienischen Medien zufolge wäre Ronaldo lieber zurück in die Premier League gegangen. Das hört man aber in der gegenwärtigen Turiner „Ronaldo-Manie“ (Gazzetta dello Sport) nicht so gerne. Probleme mit der Justiz Als Fußnoten werden in Italien auch die Probleme des Fußballers mit der spanischen Justiz behandelt.…