Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 16.10.2011 Chaos, Arbeitslosigkeit, Kriminalität: Im Fußball sucht Neapel das, was es im Alltagsleben nicht hat.

Die lauteste Stimme Neapels klingt leise und erschöpft. Man muss sich sehr nahe zu Raffaele Auriemma setzen, um seine Worte zu verstehen, während hupende Motorräder, Roller, Kleinwagen und Busse am Tisch des Cafés an der Uferpromenade vorbeibrausen. Neapel ist laut, und der TV-Reporter ist einer der lautesten in dieser Stadt, aber nur während der Partien des SSC Neapel. Den Rest der Woche muss er seine Stimme schonen. Auriemma ist das berühmteste Exemplar einer seltenen Spezies, die entweder Kopfschütteln oder Ekstase hervorruft. Er ist "commentatore tifoso" - Fan-Kommentator des SSC Neapel. Alle paar Minuten muss der dunkelblonde Schlaks mit Halstuch und Hornbrille fremde Hände schütteln und Komplimente entgegennehmen. Er ist die Stimme einer Stadt, die sonst kaum Gehör findet. Aber wenn der legendäre Reporter beim ersten Sieg des SSC Neapel gegen Juventus Turin seit über 20 Jahren den zweimaligen Torschützen Marek Hamsik brüllend zum "Unesco-Weltkulturerbe" erhebt und kreischend darum bittet, sofort in Turin beerdigt zu werden, weil mehr von diesem Leben nicht zu erwarten sei, dann sind das die Worte, die Neapels Glück am besten Ausdruck

geben. Erstmals seit den glorreichen Zeiten Ende der 80er Jahre spielt der SSC Neapel wieder in der Champions League. Am Dienstagabend tritt der FC Bayern München im Gruppenspiel im Stadio San Paolo an, einer riesigen Betonschüssel, die wie vieles in Neapel ein Anachronismus ist. Auf dieser baufälligen Bühne wollen die Neapolitaner endlich wieder international von sich reden machen, aber diesmal eben nicht mit negativen Schlagzeilen über das neueste Attentat der Camorra oder stinkende Müllberge auf den Straßen. "Im Fußball suchen wir das, was wir im Leben nicht haben", flüstert Auriemma. Die Neapolitaner sind täglich mit unzähligen Schwierigkeiten konfrontiert, mit einer Arbeitslosigkeit von mehr als 30 Prozent, mit niedrigen Löhnen, Kriminalität, dem chaotischen Verkehr und dem immer noch nicht endgültig gelösten Müllproblem. Der vor kurzem neu gewählte Bürgermeister der Bewegung Italia dei valori (Italien der Werte) hat zwar frischen Wind gebracht, aber dass er die riesigen…

Süddeutsche Zeitung, 21.5.2011 Erich Priebke war an der Ermordung von 335 Menschen beteiligt. Aber wenn man in Rom im Supermarkt steht, kann es passieren, dass eben dieser Kriegsverbrecher ein paar Meter weiter Prosecco einkauft. Eine verstörende Begegnung.

Wir sitzen im Auto und denken über Pancakes nach, Pancakes mit Ahornsirup. Auf der engen Straße vor dem Supermarkt kommt uns ein Paar entgegen. Zwei Senioren, beide in Grau und Khaki gekleidet, er trägt eine Schildmütze auf dem Kopf, unter der ein paar weiße Haarbüschel hervorkriechen, und hat seinen rechten Arm bei ihr eingehakt. Sie hat lange graue Haare und eine rundliche Brille. Die beiden zwängen sich an unserem Auto vorbei. Er ist sehr alt. Ich sehe sein Gesicht, es ist ein bekanntes Gesicht. Er sieht mich nicht an. Ist das wirklich Erich Priebke? Man könnte jetzt in die Tiefgarage des Supermarkts fahren, dort parken und das Mehl für Pancakes kaufen gehen. Aber dieses Gesicht ist beunruhigend, nichts ist in diesem Moment unwichtiger als das Mehl für amerikanische Pfannkuchen. Wir sitzen unbeweglich da, unser Auto steht still und versperrt die Straße. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis die erste Hupe tönt. Ich bin für einen Moment erschrocken, ratlos und schockiert. Es ist ein Schrecken, der sich in lauter Fragen auflöst: War das

wirklich Priebke? Das Alter würde passen, die Stadt auch. Sollte er nicht eigentlich im Gefängnis sitzen oder zumindest unter Hausarrest stehen? Warum läuft der hier frei herum? Es hupt. Wir fahren ein Stück weiter und parken. Der Alte und seine Begleiterin sind längst außer Sichtweite. Einkaufen oder dem Nazi hinterher? Es sind bereits ein paar Minuten vergangen, er wird über alle Berge sein, so langsam lief er gar nicht. Aber man trifft ja auch nicht alle Tage auf einen verurteilten Mörder. Vor allem bleibt die Frage: War er das überhaupt oder liegt es auch diesmal wieder daran, dass ich denke, jedes zweite Gesicht zu kennen? Die Frage lässt sich nur beantworten, wenn wir ihn suchen. Wir überqueren hastig die Straße, die Autos bremsen scharf ab. Auf der anderen Straßenseite sehe ich in der Ferne das Paar, gefolgt von zwei bulligen Typen mit gepolsterten Jacken und Turnschuhen. Sie biegen…

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 29.1.2011 Fußball als Mittel zur Geldwäsche, Nachwuchsrekrutierung und Eintrittskarte in Italiens bessere Gesellschaft.

Raffaele Cantone lebt mehrere hundert Kilometer weit entfernt von den Mafiabossen, die ihm nach dem Leben trachten. Aber seine drei Leibwächter lassen den ehemaligen Staatsanwalt auch im gut gesicherten Justizpalast in Rom nicht einen Moment aus den Augen. Die Mafia vergisst nicht. Nach Ablauf seiner regulären Amtszeit als Antimafia-Staatsanwalt in Neapel arbeitet er schon seit 2007 in Rom in einer Sonderabteilung des Verfassungsgerichts. Bekannt wurde der 47 Jahre alte Jurist durch seine Ermittlungen gegen den mächtigen Camorra-Clan der Casalesi. Einige Erinnerungen hat Cantone nun in einem Buch ("I Gattopardi", Mondadori-Verlag) zusammengefasst. Die Beziehungen zwischen Mafia und Fußball spielen darin eine zentrale Rolle. "Die Mafia interessiert sich vor allem deshalb für den Fußball, weil hier sehr viel Geld zirkuliert", sagt Cantone und wird im Fünf-Minuten-Takt von Kollegen in der Bar des Justizpalasts gegrüßt. Seine Ermittlungen, auf denen auch der Bestseller "Gomorrha" von Roberto Saviano fußt, haben ihn auch unter den Kollegen prominent gemacht. Die Mafia kontrolliere nicht nur Teile des Wettgeschäfts in Süditalien. "Fußballvereine wirken für viele Mafiosi wie Türöffner in

eine Welt, zu der sie sonst nur schwer Zugang bekommen." Der bekannteste Fall, den Cantone im Jahr 2004 aufdeckte, ist der Versuch der Camorra, den Erstligaklub Lazio Rom zu übernehmen. Bei seinen Ermittlungen gegen das illegale Müllbusiness der Casalesi stieß Cantone eher zufällig auf den Versuch eines Camorra-Unternehmers, mit Hilfe des Strohmannes Giorgio Chinaglia, einem früheren Fußballprofi, die Mehrheit an Lazio zu erwerben. Das notwendige Geld sollte über ein Konto in Ungarn laufen. Cantone vermutet, der Unternehmer Giuseppe Diana aus Casal di Principe habe so illegal erworbenes Kapital waschen wollen. Die Übernahme wurde durch die Ermittlungen gestoppt, Diana sitzt heute in Haft. "Besonders ein Aspekt wird an dieser Geschichte deutlich", sagt Cantone: "Die Camorra hat mittels eines Fußballvereins versucht, in einen anderen Kosmos vorzudringen." Man müsse sich nur einmal ansehen, wer in Rom auf der Ehrentribüne sitzt: Einflussreiche Unternehmer, hohe Amtsträger, Minister, Menschen, die wichtige Entscheidungen treffen und über die…

Süddeutsche Zeitung, 19.8.2010 Geboren in Novara, groß geworden in Mailand: Der Campari gilt immer noch als Inbegriff des Aperitifs.

Es heißt, es bringe Glück, wenn man in der Mailänder Galleria Vittorio Emanuele II. seine rechte Ferse auf die Stierhoden setzt und sich im Kreis dreht. Die Hoden gehören dem Stier im Wappen der Stadt Turin, das in der achteckigen Zentralhalle in den feinen Marmorboden der berühmten Passage eingelassen ist. Kommt man am späten Nachmittag, ist im Hintergrund bereits das Klirren der Eiswürfel zu vernehmen. Die Galleria Vittorio Emanuele II. ist so etwas wie der Mittelpunkt der Aperitifkultur, auch wenn sich neben den Luxusboutiquen die Fastfoodketten in den prächtigen Hallen eingenistet haben. Der Grund, weshalb die Mailänder hier das Turiner Wappen mit Füßen treten, mag auch darin liegen, dass es in Turin die ersten italienischen Kaffeehäuser gab, im Piemont die ersten Mundschenks an neuen Aperitifs experimentierten und eben nicht in der Lombardei. Turin und sein Stier sind also für die Mailänder immer noch eine Bedrohung, wenn es um die Erfindung des Aperitifs geht. Auch wenn das, was in anderen Ländern als „Happy Hour“ oder „Vorglühen“ bezeichnet wird, erst in Mailand zu wahrer Größe und Weltruhm gereift ist,

wie die Mailänder nicht zu Unrecht behaupten. Ein Zentrum dieser ursprünglich erhabenen Kultur ist auch heute noch das „Caffè Campari“, das später in „Camparino“ umbenannt wurde und heute „Caffè Zucca“ heißt. Die Häppchen der High Society Davide Campari, Sohn des Campari-Erfinders Gaspare, übernahm 1915 das Lokal als „Camparino“ in der noblen und nach dem Einheits-König benannten Galleria Vittorio Emanuele II. Der Bitter war da bereits ein etablierter Drink, den die Mailänder Intellektuellen mit der High Society schlürften und dazu Häppchen aßen. Schon damals bekamen Giuseppe Verdi, Giacomo Puccini und später auch Arturo Toscanini auf dem Rückweg von der Scala einen in Eissplitter getauchten Glasbecher von Kellnern in weißer Livree. Heute noch hängt der elegante, schmiedeeiserne Lampenschirm von der hohen Decke, ziehen bunte Wandmosaike die Blicke auf sich und diskutieren im Séparée Geschäftsleute auf der Suche nach der besten Strategie. Die Szenerie wird von der…