Der Richter und die Söhne der Mafia

Rheinische Post, 19.1.2017 - Wie ein Jugendrichter in Kalabrien die Kinder der 'Ndrangheta vor einer kriminellen Laufbahn zu bewahren versucht.

Es war im März 2011, als die Carabinieri den 16-jährigen Riccardo Cordì in die Aula des Jugendgerichts von Reggio Calabria führten. Cordì hatte ein Polizeiauto gestohlen und beschädigt. Jugendrichter Roberto Di Bella stutzte, als er den Nachnamen des Jungen las. Er hatte bereits andere jugendliche Täter aus der Familie wegen Mafia-Verbrechen verurteilt.  Die Gesichter der Angeklagten wechselten, die Namen blieben dieselben. Piromalli, Pesce, Alvaro, Pelle, Nirta oder Strangio. Auch Cordì ist der Name einer bekannten ‚Ndrangheta-Familie aus Kalabrien, der Region an der Spitze des italienischen Stiefels. Die ‚Ndrangheta ist eine der mächtigsten Mafia-Organisationen weltweit mit einem geschätzten Umsatz von 50 Milliarden Euro jährlich, vor allem mit Drogenhandel.

Cordìs Vater, ein Mafiaboss, war 1997 während eines Kriegs verfeindeter Clans in der Stadt Locri mit mehr als einem Dutzend Schüssen in den Kopf ermordet worden. Auch Riccardos Brüder sind der Justiz bekannt. Salvatore wurde wegen Mordes zu 30 Jahren Haft verurteilt. Domenico sitzt wegen Mafiaverbrechen, Antonio ist in einer Gefängnispsychatrie inhaftiert. Der Jugendrichter fragte sich: Ist es noch zu verhindern, dass der 16-jährige Riccardo dieselbe kriminelle Laufbahn einschlägt wie seine Brüder?

Eine Frage des Erbes

Roberto Di Bella ist seit 20 Jahren am Jugendgericht von Reggio Calabria tätig, inzwischen als Vorsitzender. In dieser Zeit verhandelten er und seine drei Kollegen mehr als 100 Strafverfahren wegen Mafia-Verbrechen, in mehr als 50 Fällen ging es dabei um Mord. „Wir gelangten zu der Überzeugung, dass eine Erziehung zum Mafioso genauso unterbunden werden muss, wie das Aufwachsen mit gewälttätigen, alkohol- oder drogensüchtigen Eltern“, sagt Di Bella. Mafioso zu werden, sei meist keine Entscheidung. „Es ist eine Frage des Erbes“, sagt der Richter. Die ‚Ndrangheta-Sprößlinge werden nicht zur Selbstständigkeit erzogen, sie lernen von Kleinauf die Gesetze der Clans, den Gebrauch von Waffen oder das Strecken von Kokain. „Die potentiellen Kriminellen aus diesem gefährlichen Umfeld herauszulösen, ist beinahe revolutionär“, sagt der Antimafia-Staatsanwalt Nicola Gratteri.

Riccardo Cordì war der erste ‚Ndrangheta-Sohn, dessen Familie per Gerichtsbeschluss das Sorgerecht entzogen wurde. Seine Sozialprognose ließ erwarten, dass auch er früher oder später wegen schwerer Straftaten im Gefängnis landen würde. Di Bella verfügte, dass der 16-Jährige außerhalb Kalabriens in einer sozialpädagogischen Einrichtung betreut wurde. Für den Richter war es entscheidend, den Jungen von seinem bisherigen Umfeld zu lösen. Etwa 50 Minderjährige, die meisten von ihnen Jungs, hat das Jugendgericht von Reggio Calabria seit 2012 aus ihren Familien entfernt und lässt sie von Antimafia-Organisationen wie „Libera“ betreuen. Zwölf Jugendliche haben das bis zur Volljährigkeit dauernde Programm bereits abgeschlossen. „Bis heute ist keiner von ihnen wieder straffällig geworden“, sagt Enrico Interdonato.

Interdonato ist Psychologe und Aktivist der Antimafia-Organisation Addiopizzo in Messina auf Sizilien. Der heute 32-Jährige kümmerte sich zwei Jahre lang als Tutor um Riccardo Cordì. „Ich habe versucht, an seine wahre Identität heranzukommen“, sagt Interdonato, der weiterhin mit gefährdeten Jugendlichen arbeitet. Er nahm Cordì zu Treffen mit anderen Antimafia-Aktivisten mit, begleitete ihn zur Schule, vermittelte ihm ein Praktikum und zeigte ihm ein Leben ohne die ‚Ndrangheta. Irgendwann durfte Cordì an jedem zweiten Wochenende seine Mutter in Locri besuchen. Nach seinem 18. Geburtstag kehrte er nachhause zurück. Cordì ist heute 20 Jahre alt und hat einen Job. Auch seine Mutter ging bei den Antimafia-Aktivisten in Beratung.

Mütter suchen den Kontakt

Es sind die Mütter aus ‚Ndrangheta-Familien, die aus Sorge um ihre Kinder in einigen Fällen freiwillig den Kontakt zum Jugendgericht von Reggio Calabria suchen. „Das ist vielleicht unser größter Erfolg“, sagt Jugendrichter Di Bella. Schon etwa ein Dutzend Frauen hätten sich mit der Bitte gemeldet, ihre Söhne aus den Familien zu entfernen. Einige hätten offen ihre Zusammenarbeit mit der Justiz angeboten, andere haben sich heimlich an das Gericht gewendet, aus Furcht vor der Verwandtschaft.

Die Methode scheint zu funktionieren. Auch andere Jugendgerichte in Italien haben Di Bellas Ideen in wenigen Fällen aufgenommen. Im Justizministerium in Rom heißt es, das Jugendschutzprogramm werde geprüft. Und doch gibt es noch keine Gewissheit darüber, wie effektiv der Sorgerechtsentzug in Mafiafamilien sein kann. Riccardo Cordì zum Beispiel ist zwar nicht wieder straffällig geworden. Weil er aber im Februar 2015 bei einem Fußballmatch in Locri Feuerwerkskörper auf das Spielfeld warf und Polizisten beleidigte, bekam er ein zweijähriges Stadionverbot auferlegt. Er muss sich regelmäßig bei der Polizei melden. Dass er den Absprung definitiv geschafft hat, kann heute niemand mit Gewissheit sagen.

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