Rheinische Post, 17.9.2016 - In Rom gehört der Faschismus immer noch zum Alltag. Forscher machen einen Aufsehen erregenden Fund.

Benito Mussolini hätte sich diesen Ort nur sieben Jahrzehnte nach seinem Tod wohl anders vorgestellt. In den faschistoiden Mosaiken vor dem Foro Italico in Rom fehlen viele Steine, die Marmorplatten am Boden sind zerborsten. Glasscherben und Kronkorken säumen den Obelisken, der einst als antikisierendes Herrschaftssymbol des faschistischen Regimes am Rand der italienischen Hauptstadt aufgestellt worden war. Nur noch die Inschrift prangt ebenso provokant wie selbstverständlich auf dem knapp 18 Meter hohen und 300 Tonnen schweren Monument am Tiber: Mussolini Dux steht da in Großbuchstaben, Führer Mussolini. Rom hat einen nonchalanten Umgang mit seiner Vergangenheit. Besonders für Neuankömmlinge ist es verstörend, dass das faschistische Regime auch 70 Jahre nach seinem Zusammenbruch so allgegenwärtig ist in der Stadt. Ebenso monumental wie unwirklich wirken etwa die Gebäude und Straßenzüge im ab 1938 für die Weltausstellung konzipierten EUR-Viertel im Süden. Im Norden steht das ab 1928 errichtete Foro Mussolini, eine überdimensionale Sportanlage, die heute Foro Italico heißt und immer noch als Sportstätte dient, etwa für Fußballspiele und ein Tennisturnier. Die architektonisch durchaus bedeutsamen Stätten des

Faschismus gehören in Rom zum Stadtbild. Bis heute fügen sie sich unkommentiert in den Alltag ein. Diese Besonderheit der Römer im Umgang mit der Vergangenheit sticht auch jetzt wieder ins Auge, da zwei Altphilologen aus den Niederlanden und Deutschland eine Aufsehen erregende Studie veröffentlicht haben. Mit „The Codex Fori Mussolini – A Latin Text of Italian Fascism“ (Bloomsbury) interpretieren die beiden Altertumswissenschaftler Han Lamers und Bettina Reitz-Joosse eine in Vergessenheit geratene Propaganda-Botschaft in den Fundamenten des Mussolini-Obelisken. Die Schrift ist auf Englisch übersetzt und kommentiert herausgegeben. Jahrzehntelang war keine Rede von der kleinen Metallkiste im Mussolini-Obelisken, in der sich seit 1932 ein Pergament mit einer Art faschistischem Testament versteckt. Lamers und Reitz-Joosse haben den mysteriösen Schatz gleichsam gehoben, ohne ihn je in Händen gehalten zu haben. „Es ist höchstwahrscheinlich, dass sich der Text dort unten befindet“, sagt Altphilologe Lamers, der an der Humboldt-Universität Berlin und an der Katholischen Universität…

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 14.9.2016 Der italienische Erstligist AS Rom ist immer noch vom knapp 40 Jahre alten Francesco Totti abhängig.

Es gibt Sonntage, da finden in der Serie A eher gewöhnliche Fußballspiele statt, aber das Gebrüll auf den Straßen von Rom ist dennoch unverhältnismäßig groß. Am vergangenen Wochenende war das etwa der Fall. Am dritten Spieltag traf der AS Rom auf Sampdoria Genua, eigentlich kein Spiel, vor dem die Anhänger schlaflose Nächte zubringen. Als die Partie abgepfiffen wurde, schien es sogar in unaufgeregten Vierteln der Stadt, als habe die heimische Mannschaft mindestens den FC Barcelona in einem epochalen Match besiegt. Dabei lag alles nur an ihm, Francesco Totti. Totti wird in zwei Wochen 40 Jahre alt. Im Stadio Olimpico hatte er am Sonntag mal wieder einen seiner ganz großen Auftritte. Er, der alternde Kapitän des AS Rom, den Zwölfjährige in der Hauptstadt genauso verehren wie Greise. Zur Untermalung der Unglaublichkeit des Augenblicks listete das römische Lokalblatt Il Messaggero am Dienstag die Historie der schweren Verletzungen des 1976 geborenen Stürmers auf, der nach dieser Diagnose eigentlich seit Jahren im Ruhestand sein müsste: „Zwei schwere Knieverletzungen, ein Stück Eisen seit zehn Jahren im linken Bein, elf Schrauben im linken Knöchel, Bandscheibenleiden, chronische Schmerzen in den Oberschenkeln“. Mit anderen Worten, ein physisches Wrack. Stattdessen schleppt sich

dieses lebendige Denkmal mit übernatürlich wirkender Leichtigkeit Woche für Woche von einer Heldentat zur anderen. Wäre Totti kein Fußballer, sondern Priester, hätte der Vatikan längst ausreichend viele Argumente für eine sofortige Heiligsprechung. Stattdessen erreicht die profane Totti-Verehrung in Rom ungekannte Dimensionen, die etwa in der medialen Aufmerksamkeit gemessen werden kann. Der Corriere dello Sportwidmete dem bekanntesten Fußballer der Stadt auch am Dienstag noch neun Seiten. Was war passiert? Am Sonntag lag der AS Rom zur Halbzeit gegen Genua mit 1:2 zurück. Nach einer 80-minütigen, von einem schweren Unwetter verursachten Spielpause, wechselte Trainer Luciano Spalletti zu Beginn der zweiten Halbzeit Totti ein. Und es wurde Licht. Totti verwandelte in der 93. Spielminute nicht nur den entscheidenden Foulelfmeter zum 3:2-Endstand für den AS Rom, sein 249. Treffer in der Serie A. Der Kapitän hatte zuvor auch noch die glänzende Vorlage zu Edin Dzekos 2:2-Ausgleich gegeben und drei weitere Torchancen vorbereitet. „Tottifabelhaft“,…

Generalanzeiger, 8.9.2016 Luigi Di Maio und das Führungspersonal der 5-Sterne-Bewegung müssen sich Dilettantismus vorwerfen lassen.

Luigi Di Maio, 30.

Luigi Di Maio, 30.

Wenn wie in diesen Tagen viel von der 5-Sterne-Bewegung in Italien die Rede ist, dann kommt den meisten das struppige Gesicht ihres Gründers Beppe Grillo in den Sinn. Grillo ist 68 Jahre alt und weiß, dass er nicht ewig die Zügel seiner Kreatur in den Händen halten kann. Also baute der Komiker eine Reihe von Nachfolgern auf, von denen Luigi Di Maio der bekannteste ist. Der 30 Jahre alte Informatiker und Jura-Student ist so etwas wie das brave, vertrauenswürdige Gesicht der 5-Sterne-Bewegung. War, muss es vielleicht nach den Chaostagen von Rom heißen. Dort hat die Bürgermeisterin Virginia Raggi alle Mühe, überhaupt mit dem Regieren in der von jahrelangem Missmanagement gezeichneten italienischen Hauptstadt zu beginnen. Zwei Monate nach der Kommunalwahl scheinen sich viele Vorsätze der 5-Sterne-Politikerin im Nichts aufzulösen. Mehrere Mitglieder der Stadtregierung sowie die Spitzen von Verkehrsbund und Müllabfuhr traten wegen Differenzen mit der Chefin zurück. Anfang dieser Woche schlitterte die 5-Sterne-Bewegung dann in ihre erste große Krise, hinter der sich die Frage auftut, wie dilettantisch das Personal der Partei eigentlich ist. Am Montag wurde bekannt, dass

die Staatsanwaltschaft bereits seit Monaten gegen Raggis Umweltreferentin Paola Muraro wegen Unregelmäßigkeiten bei der Müllentsorgung ermittelt und einige Partei-Spitzen diese Tatsache den gesamten Sommer über vertuschten. Dabei waren Ehrlichkeit und Transparenz die Pfunde, mit denen die 5-Sterne-Bewegung wuchern wollte. Auch die Karriere des Parlaments-Abgeordneten Di Maio ist von der Affäre bedroht. Der 30 Jahre alte Ferrari-Fan aus Pomigliano d'Arco bei Neapel galt bislang als wahrscheinlicher Herausforderer von Ministerpräsident Matteo Renzi. In Umfragen lag die 5-Sterne-Bewegung zuletzt mindestens gleichauf mit Renzis Sozialdemokraten. Eine Amtsübernahme durch Di Maioim Wahljahr 2018 schien also nicht unwahrscheinlich. Der stellvertretende Vorsitzende des italienischen Abgeordnetenhauses feilte in den vergangenen Monaten nicht zufällig an seinem Profil als Staatsmann und traf sich mit den Botschaftern zahlreicher EU-Länder in Rom zu einer Art Vorstellungsbesuch. In der Affäre um Bürgermeisterin Raggis Umweltreferentin machte der aufstrebende Di Maio eine schlechte Figur. Der ehemalige Studentensprecher wurde von den Ermittlungen gegen Muraro informiert, behielt diese Nachricht entgegen des…

11 Freunde, Heft Juli 2016 Uralt ist nur ein Anagramm von Ultra. Nonno Ciccio ist neunzig und seit 1937 Fan des italienischen Drittligisten Foggia Calcio. Aufhören ist keine Option.

Nonno Ciccio mit seinem Glücksbringer (Foto: Max Intrisano)

Nonno Ciccio mit seinem Glücksbringer (Foto: Max Intrisano)

Treffpunkt um zwölf Uhr mittags, High Noon in Apulien. Es ist Ende Mai, die süditalienische Hitze hat schon alles im Würgegriff. Ein trostloser, weiter Blick auf Windräder und golden schimmernde Weizenfelder. Im Schatten der Tankstelle schlummert ein ergrauter Schäferhund. Dann rollt langsam ein silberner Renault Laguna an. Ein alter, weißhaariger Mann mit Pferdeschwanz schält sich mühsam aus dem Fahrersitz. Er trägt schwarze Hose, ein schwarzes, abgetragenes Polo-Hemd, seine schwarzen Turnschuhe haben drei rote Streifen. Nonno Ciccio, der mutmaßlich älteste Ultrà Italiens reicht die Hand. „Ist wie in Afrika hier“, sagt er. Eigentlich ist man nach Apulien gekommen, um über bedingungslose Anhängerschaft zu sprechen, um die unerschütterliche, lebenslange Liebe eines uralten Mannes zu einem italienischen Drittligisten namens Foggia Calcio. Aber Nonno Ciccio, 91 Jahre alt, will erst einmal vom Krieg erzählen. Von Hannibal, den Römern, der Schlacht von Cannae, die sich in dieser Ebene vor mehr als zwei Jahrtausenden abgespielt und das Römische Reich an den Rand des Zusammenbruchs gebracht hat. „Zehntausende Tote“, sagt der Greis und schüttelt den Kopf. Er humpelt, sein Oberschenkel ist entzündet.

An Nonno Ciccios Hals baumelt ein Anhänger mit einer blau schimmernden Kakerlake. „Ein Andenken an die Wüste, El Alamein.“ Nordafrika, die Wüste, der Krieg. Das ist Nonno Ciccios Koordinatensystem, in dem die Leidenschaft für Foggia Calcio eine Art Fluchtpunkt darstellt. Er, der Uralt-Ultrà musste als 17-Jähriger für Hitler und Mussolini in Ägypten kämpfen und hat dabei seine Jugend verloren. „Mörder“, schimpft er. Seither ist Nonno Ciccio nicht nur Antifaschist und Pazifist, er will auch als Ultrà vor allem eines: Frieden. Auf seiner Brust kann man die Choreografie seines Lebens auf einer Handvoll Ansteckern ablesen. Einer davon zeigt ihn als Soldaten, 1942. Daneben ein Medaillon mit einem Foto von einer Auswährtsfahrt nach Benevento und die Wappen der Ultràs von Foggia. Der Alte zieht seine rot-schwarze Kappe auf, auch sie ist übersät mit Glücksbringern und Erinnerungen. Sein erstes Spiel sah er 1937 Dieser Mann ist nicht nur der…