22. April 2021 - Augsburger Allgemeine. Am 20. Juli 1944 versuchte Claus Schenk Graf von Stauffenberg, Adolf Hitler zu töten. Der Diktator überlebte, Heinrich Berger nicht. Jahrzehnte später begegnen sich Stauffenbergs Enkelin und die Tochter des in der Wolfsschanze getöteten Stenographen.

Heinrich Berger mit Dorothea Johst 1944

Heinrich Berger mit Dorothea Johst 1944

Das Wort fällt ganz zum Schluss, beim Abschied. Die beiden Frauen stehen sich gegenüber, in der Diele einer Wohnung im 13. Stock eines Plattenbaus in Erfurt, irgendwo am Juri-Gagarin-Ring. Der Moment ist unscheinbare und existentiell zugleich, ein Paradox. Als stumme Zeugin an der Wand hängt eine Orgelpfeife, die Dorothea Johst hier vor langer Zeit aufgehängt hat. Johst ist heute 79 Jahre alt und nach außen eine energische ältere Dame voller Fröhlichkeit, Wissen und Elan. Erst am Tag zuvor hat sie Sophie von Bechtolsheim persönlich kennen gelernt, die Autorin und Mediatorin war zu einer Lesung aus dem Buch über ihren Großvater in Erfurt, Mitte Januar 2020 war das. Johst zeigte der Besucherin die Stadt, die Frauen saßen bei Kaffee und Kuchen beisammen und unterhielten sich lange über ihre Familiengeschichten. Dann trafen sie sich am nächsten Morgen wieder. Es gab Obstsalat bei Dorothea Johst zuhause, sie hatte ihn für ihren besonderen Gast vorbereitet. Aus dem Panoramafenster des Wohnzimmers geht der Blick weit über die Stadt. Die beiden Frauen stehen abseits in

der Diele. Die gemeinsamen Stunden und die gemeinsame, aber lange nicht in ihrer ganzen Bedeutung wahrgenommene Vergangenheit, hat sie einander nahe gebracht. Dann nimmt Dorothea Johst dieses große Wort in den Mund, „Versöhnung“. Keine der beiden Frauen kann sich heute, mehr als ein Jahr nach diesem denkwürdigen Moment genau erinnern, in welchen exakten Zusammengang Johst diesen Begriff bettete. Aber sein Sinn war klar. Er beschrieb ein Gefühl. Als ob eine lebenslange, auf der einen Seite von Trauer und auf der anderen Seite von Schuld geschlagene Lücke sich nun langsam zu schließen begann. Fast 80 Jahre nach der Tragödie. Frieden und Versöhnung, das wird in diesem Moment sichtbar, sind weniger Ergebnisse einer präzisen Bemühung sondern vom Inneren der beteiligten Personen abhängige Prozesse. Die Zeit muss manchmal jahrzehntelange Arbeit leisten, damit solche Dinge geschehen können. Die Konsequenzen prägen die Familien bis heute Johst, Jahrgang 1942 und Bechtolsheim, geboren 1968, haben ein gemeinsames Schicksal.…